News aus dem Bereich supportive Maßnahmen – LL-Adährenz behandelnder Ärzte hinsichtlich GCS-F Prophylaxe bei Chemotherapie

Die febrile Neutropenie (FN) ist ein bedeutsamer Faktor für Morbidität und Mortalität nach zytotoxischer Chemotherapie. Ziel der Prophylaxe mit Granulozyten stimulierenden Faktoren (GCS-F) ist die Verringerung der Inzidenz und Dauer der Chemotherapie induzierten Neutropenie.  Das Risiko eine febrile Neutropenie zu entwickeln ist > 20%, wenn die Zytostatika induzierte Neutropenie länger als 7 Tage andauert. Die primäre GCS-F Prophylaxe im Anschluss an die Chemotherapie verringert die Anzahl der Tage in Neutropenie sowie die Tiefe der  Neutropenie und ist bei allen Protokollen mit einem FN Risiko >20% indiziert. Weiterhin wurden Patienten bezogene Risikofaktoren definiert, bei deren Vorhandensein eine GCS-F Prophylaxe bereits bei einem FN Risiko des Protokolls von 10-15% indiziert ist. Um das jeweilige FN-Risiko eines Chemotherapieprotkolls zu ermitteln gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Springer Verlag bringt in regelmäßigem Abstand ein update des „blauen Buches“ heraus, welches alle gängigen Chemotherapieprotokolle beinhaltet. Dort wird das FN-Risiko für jedes Protokoll angegeben. Zusätzlich wurde die Onkopti-Datenbank entwickelt, in der alle Protokolle inclusive Angabe des FN-Risikos gelistet sind. Um diese Datenbank zu nutzen, muss eine Lizenz beantragt werden.

Die Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hinsichtlich Primär,- und Sekundärprophylaxen im klinischen Alltag ist leider nicht ausreichend. Die Arbeitsgesmeinschaft supportive Maßnahmen in der Onkologie (AGSMO) führte diesbezüglich erstmalig 2012, und erneut 2015 eine deutschlandweite, multizentrische Datenanalyse zur Umsetzung der Leitlinien zur Neutropenieprophylaxe bei onkologischen Patienten durch. Es wurden Patientendaten von Lungenkarzinompatienten, Mammakarzinompatienten und Lymphompatienten analysiert. In der ersten Umfrage wurde festgestellt, dass sich lediglich 15% der Pulmologen an die Leitlinienempfehlungen gehalten hatten. Bei den Behandlern der Mammakarzinome und Lymphome war die Adhärenz deutlich höher. Gründe für die geringe Umsetzung der Leitlinien waren vor allem ein häufig falsch eingeschätztes FN-Risiko und mangelndes Bewusstsein für individuelle Risikofaktoren. Bei der zweiten Umfrage im Jahr 2015 wurden Unterschiede hinsichtlich der Fachdisziplinen und Versorgungsstrukturen untersucht. Hier fiel auf, dass besonders in zertifizierten onkologischen Zentren die Leitlinienempfehlungen am besten umgesetzt werden. Interessanterweise gab es einen deutlichen Unterschied der Leitlinienadhärenz bei Protokollen mit hohem FN-Risiko und mittlerem FN Risiko.

In nicht zertifizierten Zentren lag die Leitlinienadhärenz bei hohem FN-Risiko bei 72%, in zertifizierten Zentren bei 80%. In der Behandlung von Lungenkarzinomen fiel ein deutlicher Unterschied zwischen behandelnden Onkologen und Pulmologen auf. Die Adhärenz der Pulmologen lag bei nur 25%, die der Onkologen war mit 44% nahezu doppelt so hoch. In der Behandlung von Mammakrzinomen war der Unterschied zwischen Gynäkologen und Onkologen nicht statistisch signifikant und war mit 80% schon ganz gut. Bei mittlerem FN-Risiko lag die Adhärenz insgesamt in den nicht zertifizierten Zentren bei lediglich 46%, in den zertifizierten Zentren bei 54%.  Es zeigte sich auch hier ein Unterschied zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen. So war die Adhärenz der Pulmologen bei 38%, die der Onkologen bei 48%. Bei den Mammakarzinomen war die LL-Adärenz der Gynäkologen und Onkologen bei 55-60%.

Erfreulicherweise sehen wir positive Veränderungen vor allem in der Behandlung von Lungenkarzinomen. Die Leitlinienadährenz wurde bei hohem FN-Risiko von 15% auf 48% gesteigert.

Ob die 2017 etablierte und publizierte S3-Leitlinie „supportive Maßnahmen in der Onkologie“ heute zu verbesserten Umfrageergebnissen führt, ist bisher nicht erneut wissenschaftlich analysiert.

Die Ergebnisse der beiden Umfragen zeigen, dass Aufklärung, Schulung und vor allem regelmäßige Fortbildung für eine gute Leitlinienadhärenz auch auf dem Gebiet der supportiven Maßnahmen essentiell sind. Diese Maßnahmen sind essentielle Bausteine einer modernen Tumortherapie, die ermöglichen, dass die Durchführung der nebenwirkungsreichen, onkologischen Therapiekonzepte ohne Dosiskompromisse oder Therapieunterbrechungen bei Erhalt der Lebensqualität sattfinden können.